Boombranche
Umweltindustrie: Berufe in den Bereichen Klima und Energie sind gefragt
wie nie und bieten zehntausende neuer Jobs. Hochschulen und Unternehmen
reagieren mit neuen Ausbildungsangeboten Crédit:Deutschland
Magazine
Energie
und Klimaschutz sind wichtige Themen für Tobias Schulze.
Er macht sie zu seinem Beruf. Der 22-Jährige studiert im vierten
Semester Energiesystemtechnik und ist begeistert über sein praxisnahes
Studium an der Fachhochschule Gießen. In den Seminaren und Vorlesungen
lernt er alles über Energiewandlung, Stromerzeugung, technische Infrastruktur,
CO2-Ausstoß in Kraftwerksanlagen bis hin zur Fahrzeugtechnik –
ein weites Spektrum, bei dem er sich jederzeit spezialisieren kann. Tobias
geht im Studium ganz seinen Neigungen nach. „Ich will die Dinge
verstehen und erkennen, wie sie funktionieren.“ Und je mehr er versteht,
umso mehr kann er künftig in seinem Beruf praktisch umsetzen, sei
es durch neue Forschungsergebnisse oder durch neue Verfahren im Bereich
der erneuerbaren Energien.
Damit liegt
er ganz im Trend. Denn wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung
Roland Berger nachweist, entwickeln sich Energie- und Ökoberufe zum
Jobmotor Nummer eins in Deutschland. „Allein bis 2020 wird die Branche
mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie“,
sagt Torsten Henzelmann von Roland Berger. Er spricht von „der Boombranche
des 21. Jahrhunderts schlechthin“. Im Auftrag der Bundesregierung
befragten die Berater knapp 1500 deutsche Firmen der Umwelttechnologie,
werteten Studien aus und erstellten so einen Ökoatlas für Deutschland.
Dieser soll zum Umweltgipfel der Europäischen Union im Juni offiziell
veröffentlicht werden.
Schrittmacher bei den neuen Jobs ist die Branche der
erneuerbaren Energien. Begünstigt durch das Ziel der Bundesregierung,
den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 40 Prozent zu verringern,
sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Für
das laufende Jahr 2007 erwartet der Bundesverband Erneuerbare Energien
(BEE) einen Umsatzanstieg gegenüber dem Vorjahr von 17 Prozent auf
32 Milliarden Euro. Gleichzeitig sollen in Deutschland in diesem Jahr
15000 neue Arbeitsplätze entstehen, schon 2006 waren dem BEE zufolge
bundesweit insgesamt rund 214000 Menschen in der Branche beschäftigt.
Hochgerechnet bis zum Jahr 2020 werden rund 150000 neue Arbeitsplätze
entstehen, wie eine Studie des Bundesumweltministeriums belegt. Der Hintergrund:
Deutsche Unternehmen sind Weltmarktführer und profitierten von der
weltweit steigenden Nachfrage nach sauberer und innovativer Energietechnik.
Vor allem technisch und naturwissenschaftlich ausgerichtete
Fachkräfte wie Ingenieure, Maschinenbauer, Chemiker, Physiker und
Projektentwickler sind in der Umweltindustrie zunehmend gefragt. Aber
auch Ausbildungsberufe braucht die Branche, daher hat Bundesumweltminister
Sigmar Gabriel 2006 die Ausbildungsinitiative „Umwelt schafft Perspektiven“
gestartet. Mit Erfolg: Die Unternehmen und Verbände haben schon 5100
neue zusätzliche Ausbildungsplätze zugesagt. Auch viele Universitäten
und Fachhochschulen in Deutschland haben sich schon auf diese Entwicklung
im Bereich der regenerativen Energiewirtschaft eingestellt und bieten
mittlerweile in ihren Studiengängen Schwerpunkte oder Vertiefungsrichtungen
an. So splittet sich etwa der Studiengang Maschinenbau oft schon in die
Schwerpunkte Regenerative Energie- und Stofftechnik, Energieversorgung
und Erneuerbare Energien zur Elektrizitätserzeugung auf. Auch der
klassische Studiengang der Elektro- und Informationstechnik differenziert
sich häufig in die Bereiche Regenerative Energien und Elektrische
Energiesysteme. Weitere Untergliederungen wie etwa technische Gebäudeausrüstung,
Energieanlagentechnik, Versorgungs- und Umwelttechnik sowie Windenergietechnik
führen die Hoch- und Fachhochschulen im Lehrangebot. Daneben gibt
es zahlreiche Weiterbildungslehrgänge etwa zum Solarfachberater oder
zum Energiefachberater. Die Studiengänge sind modular aufgebaut,
haben eine Regelstudienzeit von sieben Semestern und sind stark praxisorientiert
– im Hauptstudium gehört meist ein berufspraktisches Semester
in einem Unternehmen dazu.
Und wen zieht es in die Energieberufe? Oliver Freitag
zum Beispiel hat seine Umweltideale zum gutdotierten Job gemacht. Er ist
heute Leiter der Business Unit Brennstoffzellen bei Smart Fuel Cell (SFC),
dem Marktführer für mobile und netzferne Energieversorgung auf
der Basis der Brennstoffzellentechnologie. Noch vor zehn Jahren hatte
ihn sein Professor gewarnt, weil er seine Diplomarbeit über Solarchemie
schreiben wollte. „Da gibt es keine Jobs“, so die damalige
Annahme. Heute arbeitet Oliver Freitag mit Brennstoffzellen für den
Freizeitbereich etwa beim Betrieb von Reisemobilen, Ferienhütten
und Segelbooten. „Ein großer Zukunftsmarkt“, schwärmt
der 36-jährige Ingenieur. Eine Technologie, die flüssige Energieträger
in Strom umwandelt und damit 30 bis 50 mal so effektiv sei wie Batterien,
zudem leise und sauber funktioniert. Und weitere spannende Märkte
warten bereits: Elektrofahrzeuge, Sensoren aller Art, Sicherheitstechnik,
Pipelines, Wetterstationen. Freitag hat begriffen, dass bei allen Idealen
auch die Wirtschaftlichkeit stimmen muss – diese Balance hat er
nun in seinem Job gefunden.
Thomas Schilling wollte eigentlich Physik studieren,
schließlich erschien ihm das doch zu speziell. Also studierte er
Architektur in München. Eine gute Entscheidung – hat er doch
erkannt, dass fachübergreifende Qualifikationen besser ankommen als
reines Spezialistentum. So erweiterte er sein technisches Know-how und
lernte viel über Energieoptimierung und Thermodynamik. Einen ganzheitlichen
Ansatz verfolgt der Architekt ohnehin: „Ein Haus zu planen ist eine
integrierende Denkarbeit.“ Am idyllischen Wörthsee in Oberbayern
hat er gerade ein Holzhaus gebaut, das mit Holzpellets und Solar beheizt
wird. Seine Architekturkenntnisse kamen dem 38-Jährigen auch bei
seiner Arbeit als selbstständiger Energieberater zugute. In seinem
Münchner Büro berechnet er seit 2002 die Energieeffizienz von
Häusern und prognostiziert deren Sanierungsbedarf.
Deborah Hoheisel möchte Wildnis- und Naturschutzgebiete
so belassen wie sie sind – ohne Eingriffe des Menschen. Deshalb
und weil sie sich schon als Kind für die Umwelt interessierte, studiert
sie Umweltplanung an der Technischen Universität München. Die
Ausbildung der 24-Jährigen ist vielfältig – sie reicht
von naturwissenschaftlichen Grundlagen über Landschaftsmanagement
bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Sie schätzt die familiäre
Atmosphäre an ihrer Fakultät und lobt das gute Verhältnis
zu den Professoren. Ihren Bachelor hat sie bereits in der Tasche, jetzt
bleibt sie noch für den Masterabschluss. Genau wie Julie Gassmann
– den Bachelor hat sie in England abgeschlossen, den Master für
Umweltplanung und Ingenieurökologie will sie lieber in ihrer Heimat
machen. „Deutschland hat mehr Tradition in ökologischen Fachbereichen“,
begründet die 23-Jährige ihren Wechsel – auch wenn sie
deshalb ein Jahr länger auf den Campus muss. Sie brauche die Zeit,
um ihre „wahren Interessen“ zu erkennen. Will sie sich lieber
für praktischen Naturschutz engagieren oder doch lieber in die Forschung?
Sie weiß es noch nicht genau. Aber sie hat ja noch Zeit. Schließlich
ist ein Ende des Booms in den Umweltberufen nicht in Sicht.