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Jobmotor Umwelt von Markus Howest (© Deutschland magazine)

Boombranche Umweltindustrie: Berufe in den Bereichen Klima und Energie sind gefragt wie nie und bieten zehntausende neuer Jobs. Hochschulen und Unternehmen reagieren mit neuen Ausbildungsangeboten
Crédit:Deutschland Magazine

Energie und Klimaschutz sind wichtige Themen für Tobias Schulze. Er macht sie zu seinem Beruf. Der 22-Jährige studiert im vierten Semester Energiesystemtechnik und ist begeistert über sein praxisnahes Studium an der Fachhochschule Gießen. In den Seminaren und Vorlesungen lernt er alles über Energiewandlung, Stromerzeugung, technische Infrastruktur, CO2-Ausstoß in Kraftwerksanlagen bis hin zur Fahrzeugtechnik – ein weites Spektrum, bei dem er sich jederzeit spezialisieren kann. Tobias geht im Studium ganz seinen Neigungen nach. „Ich will die Dinge verstehen und erkennen, wie sie funktionieren.“ Und je mehr er versteht, umso mehr kann er künftig in seinem Beruf praktisch umsetzen, sei es durch neue Forschungsergebnisse oder durch neue Verfahren im Bereich der erneuerbaren Energien.

Damit liegt er ganz im Trend. Denn wie eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland Berger nachweist, entwickeln sich Energie- und Ökoberufe zum Jobmotor Nummer eins in Deutschland. „Allein bis 2020 wird die Branche mehr Mitarbeiter ernähren als der Maschinenbau oder die Autoindustrie“, sagt Torsten Henzelmann von Roland Berger. Er spricht von „der Boombranche des 21. Jahrhunderts schlechthin“. Im Auftrag der Bundesregierung befragten die Berater knapp 1500 deutsche Firmen der Umwelttechnologie, werteten Studien aus und erstellten so einen Ökoatlas für Deutschland. Dieser soll zum Umweltgipfel der Europäischen Union im Juni offiziell veröffentlicht werden.

Schrittmacher bei den neuen Jobs ist die Branche der erneuerbaren Energien. Begünstigt durch das Ziel der Bundesregierung, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2020 um 40 Prozent zu verringern, sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Für das laufende Jahr 2007 erwartet der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) einen Umsatzanstieg gegenüber dem Vorjahr von 17 Prozent auf 32 Milliarden Euro. Gleichzeitig sollen in Deutschland in diesem Jahr 15000 neue Arbeitsplätze entstehen, schon 2006 waren dem BEE zufolge bundesweit insgesamt rund 214000 Menschen in der Branche beschäftigt. Hochgerechnet bis zum Jahr 2020 werden rund 150000 neue Arbeitsplätze entstehen, wie eine Studie des Bundesumweltministeriums belegt. Der Hintergrund: Deutsche Unternehmen sind Weltmarktführer und profitierten von der weltweit steigenden Nachfrage nach sauberer und innovativer Energietechnik.

Vor allem technisch und naturwissenschaftlich ausgerichtete Fachkräfte wie Ingenieure, Maschinenbauer, Chemiker, Physiker und Projektentwickler sind in der Umweltindustrie zunehmend gefragt. Aber auch Ausbildungsberufe braucht die Branche, daher hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel 2006 die Ausbildungsinitiative „Umwelt schafft Perspektiven“ gestartet. Mit Erfolg: Die Unternehmen und Verbände haben schon 5100 neue zusätzliche Ausbildungsplätze zugesagt. Auch viele Universitäten und Fachhochschulen in Deutschland haben sich schon auf diese Entwicklung im Bereich der regenerativen Energiewirtschaft eingestellt und bieten mittlerweile in ihren Studiengängen Schwerpunkte oder Vertiefungsrichtungen an. So splittet sich etwa der Studiengang Maschinenbau oft schon in die Schwerpunkte Regenerative Energie- und Stofftechnik, Energieversorgung und Erneuerbare Energien zur Elektrizitätserzeugung auf. Auch der klassische Studiengang der Elektro- und Informationstechnik differenziert sich häufig in die Bereiche Regenerative Energien und Elektrische Energiesysteme. Weitere Untergliederungen wie etwa technische Gebäudeausrüstung, Energieanlagentechnik, Versorgungs- und Umwelttechnik sowie Windenergietechnik führen die Hoch- und Fachhochschulen im Lehrangebot. Daneben gibt es zahlreiche Weiterbildungslehrgänge etwa zum Solarfachberater oder zum Energiefachberater. Die Studiengänge sind modular aufgebaut, haben eine Regelstudienzeit von sieben Semestern und sind stark praxisorientiert – im Hauptstudium gehört meist ein berufspraktisches Semester in einem Unternehmen dazu.

Und wen zieht es in die Energieberufe? Oliver Freitag zum Beispiel hat seine Umweltideale zum gutdotierten Job gemacht. Er ist heute Leiter der Business Unit Brennstoffzellen bei Smart Fuel Cell (SFC), dem Marktführer für mobile und netzferne Energieversorgung auf der Basis der Brennstoffzellentechnologie. Noch vor zehn Jahren hatte ihn sein Professor gewarnt, weil er seine Diplomarbeit über Solarchemie schreiben wollte. „Da gibt es keine Jobs“, so die damalige Annahme. Heute arbeitet Oliver Freitag mit Brennstoffzellen für den Freizeitbereich etwa beim Betrieb von Reisemobilen, Ferienhütten und Segelbooten. „Ein großer Zukunftsmarkt“, schwärmt der 36-jährige Ingenieur. Eine Technologie, die flüssige Energieträger in Strom umwandelt und damit 30 bis 50 mal so effektiv sei wie Batterien, zudem leise und sauber funktioniert. Und weitere spannende Märkte warten bereits: Elektrofahrzeuge, Sensoren aller Art, Sicherheitstechnik, Pipelines, Wetterstationen. Freitag hat begriffen, dass bei allen Idealen auch die Wirtschaftlichkeit stimmen muss – diese Balance hat er nun in seinem Job gefunden.

Thomas Schilling wollte eigentlich Physik studieren, schließlich erschien ihm das doch zu speziell. Also studierte er Architektur in München. Eine gute Entscheidung – hat er doch erkannt, dass fachübergreifende Qualifikationen besser ankommen als reines Spezialistentum. So erweiterte er sein technisches Know-how und lernte viel über Energieoptimierung und Thermodynamik. Einen ganzheitlichen Ansatz verfolgt der Architekt ohnehin: „Ein Haus zu planen ist eine integrierende Denkarbeit.“ Am idyllischen Wörthsee in Oberbayern hat er gerade ein Holzhaus gebaut, das mit Holzpellets und Solar beheizt wird. Seine Architekturkenntnisse kamen dem 38-Jährigen auch bei seiner Arbeit als selbstständiger Energieberater zugute. In seinem Münchner Büro berechnet er seit 2002 die Energieeffizienz von Häusern und prognostiziert deren Sanierungsbedarf.

Deborah Hoheisel möchte Wildnis- und Naturschutzgebiete so belassen wie sie sind – ohne Eingriffe des Menschen. Deshalb und weil sie sich schon als Kind für die Umwelt interessierte, studiert sie Umweltplanung an der Technischen Universität München. Die Ausbildung der 24-Jährigen ist vielfältig – sie reicht von naturwissenschaftlichen Grundlagen über Landschaftsmanagement bis zur Öffentlichkeitsarbeit. Sie schätzt die familiäre Atmosphäre an ihrer Fakultät und lobt das gute Verhältnis zu den Professoren. Ihren Bachelor hat sie bereits in der Tasche, jetzt bleibt sie noch für den Masterabschluss. Genau wie Julie Gassmann – den Bachelor hat sie in England abgeschlossen, den Master für Umweltplanung und Ingenieurökologie will sie lieber in ihrer Heimat machen. „Deutschland hat mehr Tradition in ökologischen Fachbereichen“, begründet die 23-Jährige ihren Wechsel – auch wenn sie deshalb ein Jahr länger auf den Campus muss. Sie brauche die Zeit, um ihre „wahren Interessen“ zu erkennen. Will sie sich lieber für praktischen Naturschutz engagieren oder doch lieber in die Forschung? Sie weiß es noch nicht genau. Aber sie hat ja noch Zeit. Schließlich ist ein Ende des Booms in den Umweltberufen nicht in Sicht.


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